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Blog

Auf meinem Blog schreibe ich über Fotografie, meine Erfahrung mit Produkten wie Kameras oder Anbietern von Dienstleistungen, meine Erfahrungen als Fotograf, über Motivation, Kreativität und Inspiration sowie über Bücher, Ausstellungen, Videos und Filme.

Über die Rückkehr des Analogen und die Zukunft der Fotografie

Gründe für die Rückkehr der analogen Fotografie

Es gibt keinen Trend ohne Gegentrend. Zwar ist es eine maßlose Untertreibung die Digitalisierung der Fotografie als „Trend“ zu bezeichnen, da sie zu einer geradezu überwältigenden Massenbewegung beziehungsweise besser gesagt zur Normalität geworden ist. Dennoch war es von Beginn an abzusehen, dass ein kleiner Markt für die analoge Fotografie übrig bleiben wird. Allein für Nostalgiker und diejenigen, die eine große Sammlung von Negativen, Dias oder eine analoge Kameraausrüstungen haben, musste es sowohl Hybrid-Lösungen geben oder zumindest ein kleines Marktsegment, das mit Materialien versorgt werden konnte. Das Analoge ist ohnehin nie ganz verschwunden, sondern hinterließ im digitalen Zeitalter seine Erinnerungsspuren. Über die Jahre erscheinen immer wieder neue Kameramodelle mit auffälligem Retro-Design, das an die vermeintlich untergegangenen Zeiten erinnerte:

Gründe für das Festhalten an alten Formen sind natürlich nicht ausschließlich in der Nostalgie zu finden, sondern oft auch ganz praktischer Natur. Viele derjenigen, die immer noch eine Kamera benutzen und nicht vollständig auf die Smartphone-Fotografie umgestiegen sind, sammelten ihre Erfahrungen in der Regel noch mit analogen Kameras. Indem die Hersteller auf die alten Bedienungskonzepte zurückgreifen, sprechen sie gezielt ein bestimmtes Kundensegment an. Dass das wirkt, kann ich auch an mir selber beobachten, da gerade solche Überlegungen auch mein eigenes Kaufverhalten beeinflussen. Bei mir persönlich hört die positive Erinnerung an die vergangenen analogen Tage allerdings an dieser Stelle auch auf. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich zunächst nur sehr zögerlich das Lager gewechselt habe und noch viele Jahre lang weiter auf analogen Film geschworen habe. Von meiner ersten Digitalkamera, einer Leica D-Lux 4, war ich sogar bitter enttäuscht - allerdings kam ich in diesem Moment gerade von meinem kurzen Ausflug in das analoge Mittelformat zurück. Heute würde ich dennoch nicht mehr zurück wollen. Insofern blicke ich etwas verwundert, aber doch sehr interessiert auf die allseits zu beobachtende Rückkehr der analogen Fotografie und möchte mich auf die Suche nach den Gründen dafür machen. 

Auszeit von der digitalen Welt: Analoge Fotografie als Entschleunigungs-Strategie

Der Erfolg und die überall zu beobachtende Rückkehr der analogen Fotografie kann nicht allein damit begründet werden, dass es ein paar Nostalgiker gibt, die ihre Erinnerung an die alte Zeit auffrischen. Ein Blick in auf Youtube oder Instagram genügt, um zu sehen, dass auch viele „Digital Natives“ mit analogen Kameras und Film fotografieren. Die Neugier, etwas anderes als das Gewohnte zu probieren mag ebenso ein Anlass sein, eine andere Technik zu probieren, wie die Sehnsucht nach einer Auszeit von der digitalen Welt. Solche pragmatischen Überlegungen führen mich zum Beispiel auch zu dem Entschluss, möglichst wenig mit Photoshop zu arbeiten - nicht etwa, weil ich generell etwas gegen die Bearbeitung von Bildern, oder die Verzerrung der Wirklichkeit hätte, sondern weil ich - zumindest wenn es um Fotografie geht - so wenig Zeit wie möglich vor einem Bildschirm verbringen möchte. Meine Überzeugung ist, dass für ein gutes Bild andere Zutaten wichtig sind und diese lernt man nicht, wenn man ein Bildbearbeitungsprogramm nutzt.

Die Sony RX100 V: Fotos in voller Auflösung mit der Geschwindigkeit von Videoaufnahmen zu machen wird möglich.

Dass es gerade jetzt zu einem Revival der analogen Fotografie kommt, mag auch daran liegen, dass die Entwicklung der digitalen Fotografie an einem Punkt angekommen ist, an dem Verbesserungen nur noch marginal Auswirkungen auf das eigene Arbeiten haben oder überhaupt kaum mehr wirkliche „Verbesserungen“ sind. Vielmehr ist es sogar so, dass die Technik inzwischen so gut ist, dass bestimmte Dinge sogar schwieriger werden: Zum Beispiel kann die Sony RX100 V 24 Bilder pro Sekunde in voller Auflösung aufnehmen (also praktisch ein Video) und das sogar mehrere hundert Aufnahmen lang - ich persönlich hätte keine Lust, Stunde um Stunde vor diesen Massen an Bildern zu sitzen, um das Beste daraus auszuwählen. Angesichts dieses Übermaßes an Geschwindigkeit kann ich verstehen, dass es eine Sehnsucht nach Entschleunigung gibt. Weil ohnehin nur 36 Aufnahmen pro Film möglich sind, wartet man auf den einen richtigen Moment und macht vielleicht ein oder zwei Aufnahmen. Zudem muss man anschließend warten, um zu sehen, ob die Aufnahmen wirklich etwas geworden sind. Der Kontrast zwischen digital und analog könnte höher nicht sein.

Die Bedeutung des Augenblicks und die Bedeutung des Bildes

Wenn heute jeder hunderte von Bildern machen kann, führt das auch dazu, dass der einzelne Augenblick an Bedeutung verliert. Durch die Verschmelzung von Fotografie und Videografie wird, zumindest ein Stück weit, Können durch Technik ersetzt. Das wiederum hat zwei zentrale Folgen: Erstens erhöht sich damit natürlich die Wahrscheinlichkeit, unter den hunderten Aufnahmen ein perfektes Bild vom perfekten Augenblick zu haben. Eine positive Entwicklung also, die zu besseren Ergebnissen führt. Die zweite Folge: Um dieses perfekte Bild herauszufiltern, müssen Fotografen wie schon erwähnt viele Stunden vor dem Bildschirm verbringen und tausende Bilder sichten. In einer Welt, in der das einzelne Bild ohnehin an Wert verloren hat, ist es ohnehin fraglich, wie hoch der Grad an Perfektion pro Bild überhaupt noch sein muss: Die durchschnittliche Betrachtungszeit pro Bild bei Instagram, Tumblr oder Pinterest beträgt wenige Sekunden - und pro Sekunde (!) wiederum werden allein bei Instagram ca. 1000 Bilder hochgeladen. Insgesamt wurden über das soziale Netzwerk bis heute ca. 40 Mrd. Bilder geteilt. Diese Zahlen allein sagen wiederum nichts über den persönlichen Anspruch, den ein Bildproduzent an das einzelne Bild stellt und über die Zeit aus, die für ein einzelnes Bild zum Teil aufgewandt wird. Die analoge Fotografie stellt auch hier einen extremen Kontrapunkt zu dieser Entwicklung dar. Pro Film sind 12, 24 (gibt es die überhaupt noch?) oder auch „nur“ 36 Aufnahmen möglich. Da sowohl die Filme selbst als auch die Entwicklung Kosten verursachen, hält man nicht einfach den Auslöser gedrückt in der Hoffnung, dass den entscheidenden Augenblick festzuhalten. Der Reiz liegt gerade in der Beschränkung. Diese Beschränkung führt dazu, den Vorgang des Fotografierens selbst wieder bewusst zu machen. Auf die Komposition zu achten, ein Gefühl für den richtigen Augenblick zu entwickeln, das einzelne Bild als etwas Besonderes wertzuschätzen. Die folgende Doku des National Geographic über die (damals) letzte Rolle Kodachrome-Film zeigt den Unterschied der Bedeutung, die dem einzelnen Augenblick zukommt, sehr deutlich:

Der andere Prozess und die Ästhetik des Analogen

Eine weiterer Aspekt, den das Analoge gegenüber dem Digitalen auszeichnet, ist eine spezielle Ästhetik. Zwar war auch diese ein fester Bestandteil der digitalen Fotografie - die Möglichkeit Filter und Filmsimulationen auf Bilder anzuwenden, gab es schon von Beginn an - dennoch gibt es noch den Hauch des Authentischen und Unberechenbaren, der sich niemals ganz simulieren lässt. Der Grund dafür ist einfach: Die andere Ästhetik kommt vor allem deswegen zustande, weil der Prozess selbst ein anderer ist. Es geht letztlich nicht unbedingt darum, einen bestimmten Look zu erzielen - was wie gesagt schon immer möglich war -, sondern darum, den bewussten Prozess des Fotografierens losgelöst vom sofort vorhandenen Ergebnis. Das Latente, Verborge und nicht Sichtbare aber auch das Chemische und Organische bilden die Eckpfeiler für eine analoge Ästhetik, die Fotografen nutzen und bewusst einsetzen (zum Beispiel hier). 

 

Totgesagte leben länger: Über die Rückkehr des Ektachrome und den Neo-Biedermeier-Zeitgeist

Die Melancholie, die in der National-Geographic-Doku über die letzte Rolle Ektachrome zum Ausdruck kommt, erklärt vielleicht ein Stück weit die große Euphorie, die vor wenigen Wochen anlässlich die Meldung über das Revival dieses Klassikers zu spüren war. Auch andere Firmen versuchen inzwischen auf den analogen Zug aufzuspringen: Ferrania und Bergger haben ebenfalls neue analoge Filme angekündigt. Dabei war gerade der Ektachrome niemals ein Massenprodukt, sondern ein Film für Spezialisten. Allein die Tatsache, dass es sich um einen Diafilm handelt, mutet - so seltsam das Wort in diesem Zusammenhang klingt - anachronistisch an. Zwar passt der Versuch sowohl eine Super-8-Kamera als auch den Ektachrome neu aufzulegen zum aktuellen Zeitgeist des Neo-Biedermeier, lässt sich aber rational nicht ganz fassen. Es geht hier vielmehr um ein Gefühl und eine verschwommene Erinnerung an die „gute alte Zeit“, in der die Welt noch „in Ordnung“ war. Als Reaktion auf unsere aktuelle Lebenswirklichkeit lassen sich im Moment zwei Tendenzen feststellen: ein verklärter Blick und der Wunsch zurück in die (scheinbar bessere) Vergangenheit auf der einen Seite oder Minimalismus auf der anderen Seite. Beide Strategien sollen in eine Welt, die weniger schnell, weniger komplex und weniger kompliziert ist als die gegenwärtige Wirklichkeit - und wenn diese Strategien vielleicht auch nicht ernsthaft einen Ausweg darstellen, so doch eine kleine, partielle Fluchtmöglichkeit.

Das analoge als das besondere: Display vs. Foto-Buch, Magazine, Prints und Film

Schließlich gibt auch noch einen weiteren Aspekte der Fotografie, der die Rückkehr des Analogen vorbereitet hat, ohne dass er jemals verschwunden wäre. Auch der Siegeszug der digitalen Fotografie hat es niemals ganz überflüssig gemacht, Bilder auszudrucken, Abzüge herstellen zu lassen oder ganze Fotobücher zusammenzustellen. Sicher gab es auch hier große Veränderungen: Anstatt wie früher jeweils einen Abzug von jedem Bild zu machen, das man gemacht hatte, bestellt man heute nur noch sehr ausgewählt. Das physische Bild wurde immer mehr zu etwas Besonderem. Genau diesen Status des Herausgehobenem, dem man auch mehr Zeit schenkt, als einem Foto auf einem Display, leistete der Rückkehr der analogen Fotografie Vorschub. Das Gegenständliche, der andere Prozess, die Umdeutung und Aufwertung von Augenblick und Dauer sowie das Ästhetische des analogen Bildes umgeben die analoge Fotografie mit einer Aura des Besonderen. Vielleicht ist es gerade diese Aura, die dem Beliebigen, Ununterscheidbaren, Unzähligem und der Schnelligkeit der digitalen Fotografie etwas entgegensetzt und damit die derzeitige Wiederbelebung der analogen Fotografie begründet. 

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